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Jalons

Iannis XenakisIannis Xenakis

„Die Musik ist, kraft ihres abstrakten Wesens, die erste der Künste, welche die Versöhnung
wissenschaftlichen Denkens mit künstlerischer Schöpfung vollzogen hat.“
Für Iannis Xenakis, den ‚Mathematiker‘ unter den Komponisten, aus dessen Buch
Musiques formelles (1963) dieses Zitat stammt, war die mathematisch-naturwissenschaftliche
Fundierung seiner Musik von Beginn an grundlegend. Zu kompositionstechnischer
Eigenständigkeit fand er, indem er in seine Partituren Strukturen der
modernen Architektur übernahm oder sie nach mathematischen Methoden berechnete,
etwa mit den Mitteln der Stochastik oder der Quantentheorie. Musikalische
Zeit ist ihm so eine Art algebraische Funktion, deren Bestimmung die Aufgabe eines
„artiste-concepteur“.
Beim Hören seiner Musik muss dies freilich nicht im Vordergrund stehen. Zwar
scheint es, als seien alle traditionellen Sedimente aus ihr verbannt, jede lyrische
Kantabilität und Effekte wie Streichervibrato, überhaupt jeglicher Überrest subjektivemotionalen
Audrucks ihr schonungslos ausgetrieben. Aber gerade über ihre Unmittelbarkeit,
ihre stählerne klangliche Härte und rhythmische Kompromisslosigkeit
entfaltet sie einen besonderen Reiz. Xenakis’ spätere Werke, wie Jalons (1986),
ziehen sich auf durchsichtigere Strukturen zurück, wenngleich auch sie mathematischen
Grundlagen entspringen. So gewinnt er etwa neue Tonskalen, indem er sie
mittels mathematisch berechneter ‚Siebe‘ aus dem Tonvorrat der antiken Skalen
gleichsam ‚herausfi ltert‘.
In sechs Abschnitten durchschreitet Jalons, dessen Titel soviel wie ‚Merkmale‘ oder
‚Zeichen‘ bedeutet, verschiedene Grade von Ordnung und (kalkulierter) Unordnung.
An die Stelle thematisch-motivischer Arbeit tritt die Kombination und Gegenüberstellung
verschiedener Texturtypen: polyrhythmischen Schichtungen und Überlagerungen
verschiedenartiger Periodizitäten stehen einfachere, archaisch wirkende
Rhythmen gegenüber, unregelmäßig oszillierende oder raumgreifende Glissandobewegungen
kontrastieren den in sich stabilen Ton, und netzartige Stimmverästelungen
lassen den Ensembleklang, der hier ganz ohne Schlagwerk auskommt, in
verschiedenen Dichten und Graden der Zerfaserung erscheinen.


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