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Kammerkonzert (1969/70)

György LigetiGyörgy Ligeti

Wie verläuft der kreative Prozess bei Ligeti? Wesentliche Aussagen darüber machte er in einem 1971 publizierten Aufsatz Fragen und Antworten von mir selbst.
Er stelle sich die Musik in der Form vor, wie sie später erklingen werde; er höre das Stück vom Anfang bis zum Ende mit dem "inneren Gehör". Diese Klangvision, dieses im Inneren Gehörte decke sich jedoch mit der später ausgearbeiteten Partitur nur im großen und ganzen. Durch konstruktive Überlegungen seien die Details vielfach verändert und verfeinert worden. Demnach besteht der Vorgang des Komponierens bei ihm in der Durchdringung der naiven musikalischen Vorstellungen durch rationale Erwägungen, durch ein "System von Verknüpfungen".
Bevor Ligeti zu komponieren anfängt, entwirft er die Grundidee eines Stückes. Bevor er an die Lösung eines technischen Problems herangeht, stellt er allerhand Überlegungen an. Er liebt die handwerkliche Präzision, die Perfektion überhaupt, und hat ein Faible für das Detail.
Nicht nur die kompositorischen Fragestellungen verändern sich bei Ligeti, auch die einzelnen Techniken verwandeln, transformieren sich. Bezeichnend dafür ist die Modifizierung, die das Prinzip der Mikropolyphonie im Verlaufe seines Schaffens erfuhr. Hatte er in seinen ersten Aufsehen erregenden Orchesterwerken engmaschige Stimmengewebe geschrieben, so zeigen die Werke seit 1966 eine Auflockerung der Mikropolyphonie: Die Einzelstimmen treten vielfach aus dem Geflecht heraus, die Polyphonie wird transparent-zeichnerisch.
Ähnliches lässt sich von der Entwicklung der Clustertechnik sagen.
Mit einer Art Cluster hebt das 1969/70 entstandene Kammerkonzert an. Die fünf Töne (ges - g - as - a - b), aus denen der Cluster besteht, sind in den ersten 14 Takten ständig präsent. Doch werden sie nicht auf die einzelnen Instrumente verteilt; vielmehr bilden sich bewegliche, girlandenartige melodische Linien, die nach Art der Heterophonie sich miteinander verschlingen
Es handelt sich, wie der Titel sagt, um ein Orchesterkonzert, also ein Stück auch zum Nachweis der artistischen Spielfähigkeiten der einzelnen Instrumentalisten, in kammermusikalisch cm Miniaturformat. Und in solcher Funktion hat das Kammerkonzert-
passgenau für das Ensemble "Die Reihe" in Wien (und seinen Dirigenten Friedrich Cerha) komponiert - vier Sätze, die beinahe, in oberflächlicher Pauschalierung, dem alten Formschema mit Eingangs-Allegro, langsamem Satz, Scherzo und Finale folgen. Und noch stichhaltiger wäre, zumindest den ersten Satz des Kammerkonzerts- Corrente {Fließend} : Traten dort die langen Sostenuto-Töne als Stütz- und fokussierende Sammellinien für das bewegte Figurationsfiligran auf, so scheinen sie jetzt seitenvertauscht die kreisenden Umspielungen aus sich zu entlassen. Es ist, als würden aus ihrer, wie immer überdeckten oder unterbrochenen, aber weiterwirkenden Hauptstimme die sehr viel aktiveren Nebenstimmen exzerpiert Lind als räum schaffende, prismatisch gebrochene Elemente in die Umgebung verteilt. Überhaupt lässt sich am Kammerkonzert feststellen, wie unbeschwert und zugleich variantenreich Ligeli inzwischen mit seinem selbsterworbenen Repertoire an Möglichkeiten - jedes Werk bringt da ja etwas Neues hinzu - umzugehen und es im Sinne seiner Vorstellungen und konzeptionellen Direktiven einzusetzen weiß. Dabei machen sich Hand mehr und mehr pseudotraditionelle Einzelzüge, sei's im kontrapunktischen Denken oder in der verschobenen, verzogenen Harmonik, sei's im melodischen Duktus, in seine Musik eindringen oder wenigstens in vorsichtiger Dosierung einsickern; andererseits unternimmt er. gedrängt von seiner Ausweich-Ästhetik, immer wieder neue Exkursionen in benachbarte Randgebiete.


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