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Gerard Grisey

Gérard Grisey (1946-1998)
und die Spektralisten
Das technisch-wissenschaftliche Interesse an musikalischen
Phänomenen und die Annäherung an physiologische Prozesse
(bis hin zur tatsächlichen klanglichen Verwendung von Atem- und
Herzschlaggeräuschen) gehen im Werk von Gérard Grisey eine
faszinierende und individuelle Synthese ein.
1973 wurde von Gérard Grisey, Tristan Murail, Roger Tessier
und Michaël Levinas die Gruppe L`Itinéraire gegründet, der später
auch Hugues Dufourt angehörte. Wenngleich die musikalischen
Profile dieser Komponisten sehr unterschiedlich waren, etablierte
sich durch Dufourt, der - philosophisch geschult - die Positionen zu
resümieren trachtete, der Begriff der „musique spéctrale“, der auf
das Obertonspektrum verweist, das die harmonische Basis vieler
Kompositionen dieser Richtung bildet. Die Ableitung, aber auch
Transformation von harmonischen Relationen aus der Obertonreihe
ist für viele spektrale Stücke charakteristisch und war im historischen
Kontext der vorherrschenden atonalen Idiome ein Kontrapunkt, der
einen wesentlichen Aspekt der musikalischen Wahrnehmung auf neue
Art und Weise wieder verstärkt berücksichtigen sollte. Spektren wurden
mit zweidimensionalen, später auch dreidimensionalen Darstellungen
von Frequenz, Amplitude und deren zeitlicher Veränderung analysiert.
Das Verfahren, Spektren von einzelnen akustischen Instrumenten mit
einem ganzen Ensemble nachzubilden, wurde unter dem Begriff der
„instrumentalen Synthese“ zusammengefasst.
Die harmonische Gestaltung ist jedoch nur ein Aspekt,
mindestens ebenso wichtig ist den Spektralisten das Interesse an
der langsamen, graduellen Veränderung von Klängen, am Übergang
und an der Gestaltung längerer Zeitabschnitte. Grisey erkundet
Prozesse der Beschleunigung und Verlangsamung, der subjektiven
Zeitwahrnehmung anhand mathematischer Modelle aus der
Psychologie (Weber-Fechner‘sches Gesetz) und stellt sich mit der
Idee einer dynamischen Periodizität gegen statisch repetitive (minimal
music) und aperiodische Zeitgestaltungen (Serialismus), kritisiert aber
auch die rhythmischen Modelle seines Lehrers Messiaen*.

Die Musik der Spektralisten wird in den letzten Jahren verstärkt
auch im deutschsprachigen Raum wahrgenommen. In Österreich kam
es zu Aufführungen beim Grazer Musikprotokoll; Wien Modern 2000
stand ganz im Zeichen des Spektralismus, u.a. mit einer vollständigen
Aufführung von Griseys Zyklus „Les Espaces Acoustiques“.
* Gerard Grisey: „Tempus ex machina, Reflexionen über die musikalische Zeit“, in: Herbert Henck
(Hrsg.): Neuland, Jahrbuch, 3, (1982/83), S. 190-202.


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