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Nicolaus A. Huber

Der am 15. Dezember 1939 in Passau geborene Komponist Nicolaus A. Huber (nicht zu verwechseln mit dem Schweizer Klaus Huber) steht im Mittelpunkt zweier Konzerte im Oktober. In Deutschland gilt er seit langem als einer der allerwichtigsten Vertreter einer politisch-motivierten „engagierten“ Musikauffassung innerhalb der Neuen Musik. Als (mittlerweile emeritierter) Lehrer an der Folkwanghochschule in Essen erlang er einen besonderen Ruf. So unterschiedliche Persönlichkeiten wie Gerhard Stäbler, Jörg Birkenkötter oder Hannes Seidl führte der Weg in Hubers berühmte Kompositionsklasse. Dem hierzulande noch selten gespielten Komponisten sollen neben den beiden Konzerten am 27. und 28. Oktober auch Vorträge und Diskussionen in Graz ein Forum gegeben werden. Diese Veranstaltungen finden im Rahmen des heurigen Steirischen Herbstes statt.
„Was zunächst an den Kompositionen von Nicolaus A. Huber auffällt, ist ihre absolute Eigenständigkeit. Das danach Auffallende ist ihre Selbstverständlichkeit. Beides geht gemeinhin nur schwer zusammen, hieße es doch, die Begriffe vertraut und unvertraut zu koppeln. Aus dieser dialektischen Spannung aber lebt die Musik Hubers. Erfahrungen darüber, was musikalische Gebärde, Zusammenspiel, traditionelle Befrachtung oder die Freiheit neuer Räume - zeitlich wie örtlich - heißen können, sammelte er in den sechziger Jahren bei Stockhausen ebenso wie bei Nono, genügen konnte es ihm - nicht zuletzt angesichts der umgestülpten gesellschaftlichen Strukturen - keineswegs. "Diese Anregungen, die ich von Nono bekommen habe, haben mir irgendwie nicht genügt. Also nur am Material und am Geschichtlichen - da fand ich zu wenig Zugang zu den eigentlichen Wurzeln. Ich habe mich dann mit Psychologie beschäftigt und gemeint, wenn man das Tonale wirklich ausreißen will, dann genügt es nicht, nur irgendwie eine Spielweise zu vermeiden, sondern man muss sich grundlegend selbst verändern - und von daher gesehen habe ich diese Art, die Tonalität anzugehen und den Menschen praktisch erneuern zu wollen."
Das hier im Gespräch Formulierte bedeutete eine ungeheure Arbeit an der Basis. Bis heute interessiert es Huber unvermindert, wie ein Ton, ein Klang, ein Rhythmus auf Menschen wirkt - und unerwartete Reaktionen regen ihn mehr an als vorhergesehene. Die Beschäftigung mit politischer Musik, die ihm in den siebziger Jahren uneingeschränkte Notwendigkeit war, legt hierfür die Wurzeln - und das wirkte auch fort in die Zeit, als sich die gesellschaftlichen Utopien insgesamt längst in pragmatischen Zwängen aufgeweicht hatten.
Der Komponist heute, so stellt es sich für Nicolaus A. Huber dar, ist weitgehend alleingelassen. Wenn er - als politisch Schaffender - vor zwanzig Jahren zumindest intentional noch für die Masse komponierte, sich auf Rückkoppelungen von dieser Seite einstellte, steht er heute vor einer schweigenden; einer Masse, die zudem von einem größer werdenden Apparat beherrscht wird, dem es ausschließlich obliegt, die Wirklichkeit simulierend zu verdrehen (von den Nachrichten bis hin zu den Video-Spielen). So hat sich der schöpferische Musiker gerade diesen Mechanismen zuzuwenden - und vor allem die letzten Arbeiten von Huber kreisen immer wieder um Aspekte der Irritation, der Täuschung über Auge und Ohr. Die Philosophie Jean Baudrillards übte in dieser Hinsicht einen großen Einfluss auf Huber aus. Parallel dazu tritt diesem kritischen Ansatz eine Rückbesinnung auf die elementaren Kräfte des Metiers an die Seite. "Ich glaube überhaupt, dass ich eine besondere Neigung zum Elementaren habe. Das kann eine Skala sein, auch nur ein einzelner insistierender Ton. Sprachkauderwelsch oder Ornamentik liebe ich nicht, mir wird eher schlecht, wenn ich das bei Anderen höre." Eine neue Nähe wird von Huber angestrebt, die Intensität des Augenblicks, die er beim Fragmentarischen des späten Luigi Nono ebenso entdeckt wie - welch Spannweite! - in den Short Stories von Charles Bukowski. Hierin erblickt er sogar Aspekte einer freilich völlig neu zu definierenden Tonalität. "Diesen Bereich der Überschau- und Bestimmbarkeit mit so wenig Teleologie wie möglich habe ich ,Nahbereich’ genannt. Die Pflege und Entfaltung des Ich-Kerns, die Versicherung des Nahbereichs bezeichne ich seit kurzer Zeit als neue Definition von Tonalität."

Diese Aspekte schlagen sich mit zunehmender Intensität in den kompositorischen Arbeiten Nicolaus A. Hubers nieder. Zum "Nahbereich" gehört in ganz besonderem Maße der Körper des Ausführenden. Musik zu schreiben, heißt für Huber auch immer, die körperlichen Möglichkeiten und Belastbarkeiten auszuloten. In der Klavierkomposition "Beds and Brackets" zum Beispiel wird eine ganze Geschichte über Spannweiten der Arme, über verwinkelte Kreuzungen der Hände, über das Hinausgehen über die Tastatur oder über das Abschreiten des Instruments durch einen neugierig forschenden Interpreten erzählt. Wenn dann am Schluss laut Partiturvorschrift die Türen und Fenster des Konzertsaals geöffnet werden - oder, wo dies nicht realisierbar, durch ein Tonband Umweltgeräusche eingespielt werden -, ist ein Extrempunkt der Bewegung ins Weite, hin ins Vor- und Außerkünstlerische erreicht.

Viele Arbeiten Hubers leben aus vergleichbaren Ideen heraus. Schon die Titel der Kompositionen sprechen hier eine deutliche Sprache, auch da, wo eine vermeintliche Neutralität dies auf den ersten Blick nicht vermuten lässt. So sind etwa die "Nocturnes" für Orchester Landschaften der Nacht, der geheimen Konspiration. Der Untertitel - ein Zitat aus einem Roman von Ramón del Valle-Inclán - verdeutlicht: "Die Nacht ist tief an Geflüster und Widerhall." Auch hier interessieren Huber im Besonderen die anderen Näheverhältnisse im geheim Dunklen, wo das Gewisper zu höchster Intensität anwachsen mag oder ein Schrei in der Ferne verhallt. Irritation und Zwielicht klingen auch in Titeln wie "Sphärenmusik", "Demijour" oder "Air mit Sphinxes’" an. Mit letzterem ist ein Kammerorchesterstück bezeichnet, in dem "Melodie" (Air) in luftigen (auch dies: Air) Zonen voller Rätsel verschwebt. Andere Titel rücken die elementaren Aspekte in den Vordergrund, etwa die von Cage entliehene Bezeichnung "Mit etwas Extremismus" mit der Ergänzung "und einer Muskel-Coda" - oder das "Statement zu einem Faustschlag Nonos", ein Klavierstück, das Huber immer wieder beschäftigte. Er integrierte es auch in andere Arbeiten ("Beds and Brackets" und "Drei Stücke für Orchester"). Es ist eines der eindringlichsten Beispiele dafür, wie intensiv auf Huber körperlich-akustische Vorgänge wirken und wie sie in sein kompositorisches Denken vehement eindringen. "Kurz vor seinem Tod war ich mit Nono zusammen in der Jury eines Kompositionswettbewerbs. Während dieser Tage schlug er manchmal mit der Faust schwere, massige Rhythmen elementarster Proportion auf den Tisch. ffff. Diese Befreiungsschläge hafteten die ganze Zeit während der Arbeit an "Statement" in meinem Gedächtnis. Sie waren ganz aus dem Nahbereich des Machens und Wahrnehmens geboren."
Solche Beobachtungen zutiefst elementar-energetischer Art machen verständlich, warum die Musik Nicolaus A. Hubers immer wieder in Zonen eines fast magisch wirkenden Pulsierens vordringt. Der Rhythmus des fortwährend gleichmäßigen Schlags zählt für ihn zu den ursprünglichsten musikalischen Erfahrungen. Es ist der Reiz der Wiederholung gleicher Ereignisse, wobei sich erweist, dass jede Repetition in anderer, weil durch das Voraufgegangene geprägter Landschaft steht, auf ein anderes Körperempfinden trifft. Schon die Bezeichnung eines Stücks für kleine Trommel, "dasselbe ist nicht dasselbe", deutet diesen Aspekt an - sowohl semantisch als auch in der formalen Repetitionsstruktur des Titels.
Und hier wieder knüpft sich das Band zu den Momenten der Irritation und Täuschung.
Kritisches Komponieren - ein Begriff, den sich Huber in den siebziger Jahren zu Eigen machte - kann nur die Wucht der Basis erlangen, wenn es sich solch elementaren Erfahrungen gleichsam nackter, körperhafter Rhythmen zuwendet. Es sind Erfahrungen, wie sie zum Beispiel auch an Andy Warhols zu Serigrafien vervielfachten Fotos gemacht werden können. Und auf diese Technik ist denn auch ein neues, als Projekt konzipiertes Orchesterstück mit dem Titel "To 'Marilyn Six Pack' " bezogen“ (Reinhard Schulz).


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