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Graz – ein unvergleichliches Klangbild Die Uraufführung von Peter Ablingers ‚Stadtoper’ Ein Bericht von Barbara Preis

Die Tonkunst - 1. November 2005

Ein Bericht von Barbara Preis Während des diesjährigen steirischen herbstes fand unter anderem die Uraufführung von Peter Ablingers Stadtoper, einer musikalisch-geographischen Rundreise durch Graz, statt. Der österreichische Komponist Peter Ablinger verstand es, sein Publikum für nächtliche Stille, weißes Rauschen, Stille des Nichts, Rauschen von Wasser und Bäumen sowie alle erdenklichen Arten von Stadtgeräuschen zu sensibilisieren. Und zwar vor der Geräusch- und Klangkulisse, die die Stadt Graz ständig umgibt. So erlaubte seine Stadtoper kein passives Zuhören, sondern verlangte ein Hingehen und aktives Hinhören. Die sieben Akte: 1. Gesang, 2. Das Orchester, 3. Das Libretto, 4. Die Handlung, 5. Die Kulisse, 6. Bestuhlung und 7. Das Publikum, zogen sodann auch eine entsprechende Auseinandersetzung mit dem Werk selbst nach sich – ein ‚sich-berieseln-lassen’ wurde gekonnt verhindert. Allein, dass die Akte auf fünf verschiedene Orte aufgeteilt wurden, hatte den angenehmen Nebeneffekt, Graz bestaunen, besuchen und begehen zu können.

1. Akt: Der Gesang
So führte der erste Akt sein Publikum in das ESC Labor, wo 36 Stühle, Tische und Discmans darauf warteten, rezipiert zu werden. Fröhlich ging man ans Werk, setzte sich an einen Tisch und lauschte den Geräuschen der Stadt. Peter Ablinger hatte sich unermüdlich mit Aufnahmegerät durch Graz gekämpft und die Stadt aufgenommen. So konnte an jedem der 36 Tische eine CD mit bestimmtem Thema gehört werden. Unter anderem wurden die Zuhörer in die akustische Welt des Schlossbergs, verschiedener Murbrücken, des Stadtparks, des Stadions, von diversen Grazer Kirchen, des Flugplatzes, der Grazer Stadtbevölkerung und vieler Orte mehr versetzt. Man lauschte dem beruhigenden Fließen der Mur, dem Regen, Kindern auf dem Spielplatz, Vögeln im Park, Schülern auf dem Schulhof und fühlte sich, obwohl mit Kopfhörern in einem dunklen Raum sitzend, mitten im Geschehen. Danach ging es weiter, um die Akte fünf und sechs aufzusuchen. Nun war man bereits höchst sensibilisiert für die Grazer Stadtgeräusche – es war, als hätte man immer noch die Kopfhörer auf, da die nach dem ESC-Besuch gehörte Kulisse jetzt bewusst wahrgenommen wurde.

5. Akt: Die Kulisse
Diese Empfindung konnte sich während des 5. Aktes intensivieren. An verschiedenen Orten in Graz konnte, je nachdem, wo man gerade vorbeiging, das eben digital Gehörte real aufgesogen und genossen werden. So war man denn auch fähig, bei jedem der Orte des 5. Aktes jene Geräusche wahrzunehmen, die diese Orte akustisch voneinander unterscheiden. Im Hof des Medienturms drang der Straßenlärm eher dumpf herein, während schaukelnde Wäscheleinen und ein schreiendes Baby eine Hinterhofatmosphäre entstehen ließen. Am Lendplatz bestimmten anfahrende und bremsende Autobusse und PKW sowie der Marktplatz die Geräuschkulisse. Am Franz-Josefs-Kai mischten sich Straßenlärm und Murrauschen, im Volksgarten Kinderstimmen, Vögel, Jugendliche und im Hintergrund der Straßenlärm, am Mariahilferplatz herrschte Schanigartenstimmung und erklang Glockengeläut, am Südtirolerplatz quietschten und klingelten die Straßenbahnen, hupten Autos und stiegen Menschen um.

6. Akt: Die Bestuhlung
Der 6. Akt, jeden Tag an einem anderen Ort in Graz aufgestellt, erlaubte das Hinsetzen auf weiße Klappsessel. Und wieder sollte man sich die Ruhe gönnen, sich setzen und zuhören, während die Stadt wie eine riesige Klangkulisse ihre Darstellung bot. „Eine Stadtinstallation mit mobilem Mobiliar an bekannten und unbekannten, an zentralen und geheimnisvollen Plätzen“, wie die Pressemappe mitteilte.

4. Akt: Die Handlung
Für Abwechslung sorgte der 4. Akt, Handlung, der das Publikum in der Grazer Oper zu Mitwirkenden machte und in der weiß gewandeten Opernbühne das Publikum zu Teilen des weißen Rauschens und der Stille des Nichts werden ließ, von der wir spätestens seit John Cage wissen, dass es sie nicht gibt.

2. Akt: Das Orchester
Der 2. Akt eröffnete wieder eine neue Ebene. Zum einen wurde das Publikum in der gewaltigen Helmut-List-Halle in seine traditionelle rezeptive Rolle zurückversetzt, zum anderen sorgte der Zusammenklang von 60 Instrumentalisten (Soli und Elektronik) und die Zusammenführung bestimmter Sequenzen des Stadtklangarchivs in die Umfassung des Orchesters für neue Klangbilder. Das Ambiente der Halle trug seinen Teil dazu bei, den Abend unvergesslich und unvergleichbar werden zu lassen.

3. Akt: Das Libretto
Der 3. Akt konnte, bequem in jede Tasche passend, immer mitgenommen und zu Rate gezogen werden und brachte seine Lesenden, wo auch immer sie sich gerade in der Stadt aufhielten mit anderen Stadtteilen in Verbindung. Die Japanerin Yokok Tawada schrieb das Büchlein zur Oper.

7. Akt: Das Publikum
Der letzte Akt führte wieder in die Helmut-List-Halle, wo Musik, Film und Projektion geboten wurden. War die Handlung von Edgar Honetschlägers Film "The Audience" nicht unbedingt nachvollziehbar und warf etliche Fragen auf, so vermochten Farbkompositionen, Strukturen und Figuren, Einstellungen, Kamerafahrten und Schnitten ein unwechselbares Stadtgefühl zu erzeugen, das ganz knapp neben einem Gefühl der Beengtheit lag. Perfekt waren Musik und Film aufeinander abgestimmt und ergänzten sich hervorragend. Peter Ablinger überzeugte in Instrumentierung und Stimmführung und befreite den Zuschauer von dem, durch den Film ausgelösten klaustrophobischen Gefühl durch ein Zusammenspiel von aufgenommenem Regen und im Orchester entstehendem Regen und durch anfangs bewusste Trennung der höheren von den tieferen Tonlagen. Aufnahmen, die man am Nachmittag im Zuge des 1. Aktes im ECS Labor gehört hatte, wurden wieder eingebunden. Die Darstellerin Yukika Kudo beeindruckte durch Körperbeherrschung, Minenspiel und als Bindeglied zwischen der – durch die Musik entstehenden – Stadt innerhalb der Helmut-List-Halle und der Reise durch Weltstädte des Films. Sie sprach mit angenehmer Stimme die Texte des Librettos und wurde dabei von verschiedenen Instrumentengruppen begleitet und imitiert. Die beiden Dirigenten Edo Micic und Nassir Heidarian führten das zweigeteilte Ensemble Zeitfluss Graz gekonnt und elegant durch diese Stadtkomposition und brachten sie zum Pulsieren.

Was steirischen-herbst-Fans und den Grazern vorbehalten war, war das Mitziehen mit dem 6. Akt und die Möglichkeit, alle 36 CDs regelmäßig verteilt durchzuhören, während die Wochenendbesucher von einem zum anderen Schauplatz eilten und für den 1. Akt niemals genügend Zeit aufbringen konnten. Dennoch ein unvergleichliches Erlebnis, eine Bewusstmachung der uns umgebenden Geräusche und Klänge, die sich, hört man ein wenig hin, zu einem Netz spinnen und letztendlich die Stadt Graz neben all den Bauwerken, Denkmälern, Straßen und Parks, erst zu Graz machen. Ein unvergleichliches, individuelles und identitätsstiftendes Grazer Klangbild, gepaart mit dem Orchester in der Rolle des Imitierenden. Ein gut durchdachtes, in sich schlüssiges und musikalisch interessantes und gelungenes Projekt. [Barbara Preis]


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